20.08.2010 Leipzig, Störmthaler See

Highfield Festival 2010

Foto

Nachdem die Loveparade in diesem Jahr zu einer Katastrophe wurde haben Großveranstaltungen mit vielen, frei beweglichen Menschen an Brisanz gewonnen. Gibt es genügend Eingänge? Ist das Gelände groß genug und bietet ausreichend Fluchtwege? Das Highfield hat die volle Punktzahl verdient. Am Störmthaler See gelegen ist es umgeben von einem alten Bergbaugebiet in dem es nichts als Wald, Wiesen und weiter Flächen gibt. Ein einziger großer Fluchtweg also. Der See selbst wird gerade angelegt, das Baden ist noch möglich. Im nächsten Jahr wird er 4 Meter Wasserspiegel gewonnen haben und die Highfieldbesucher werden planschen dürfen. Die Veranstalter können sich als die wahren Headliner sehen. Bevor nur ein Hering in den Zeltplatz gesteckt werden konnte parierten sie die Regenmassen der Vortage glänzend. Bis das Unwetter am Sonntagabend gegen 20 Uhr einsetzt wird kein Festivalbesucher unfreiwillig nass.

Leider fällt unserem Parken, Ankommen, Überblick gewinnen der Auftritt von Frank Turner zum Opfer. Brian Fallon - der Sänger von The Gaslight Anthem - wird 2 Stunden später feststellen: "What a beautiful way to start a festival". Und auch seine Band: A nice way to continue a festival. Bei einer Band die durch Charm und Bodenständigkeit in Musik und Auftreten besticht möchte man das Wort "Hype" gar nicht in den Mund nehmen. Es führt aber nichts daran vorbei. Keine andere Band wird zur Zeit dermaßen hoch gehandelt. Diesen Status unterstreichen sie mit ihrem Auftritt eindrücklich.

"Kopfschuss" im Nadelstreifen

Früher, noch bevor es Emocore gab, trieb mal eine Band namens Wizo in der (weltweiten) Punkszene ihr Unwesen und ist für viele so was wie die erste Jugendliebe geworden. Eine, an die man sich gern erinnert und mit der man auch nach Jahren noch gern singt. Leider haben sie sich vor einigen Jahren aufgelöst. Doch aus dem Ende wurde eine Pause, aus der Trennung eine Reunion und so prangen an diesem Freitagabend wieder 4 übergroße Buchstaben als Bühnenbanner auf der Mainstage. Vor dieser singen vor allem Ü20er jeden Song inbrünstig mit. Teilweise mit einem Schmunzeln. Das Leben haben sie vorangetrieben, vielleicht sind sie spießig geworden, aber die jugendlichen Schlachtrufe wie "Kopfschuss" oder "Raum und Zeit" kommen noch immer aus dem FF. Wizo selbst wird es wohl schwerer gefallen sein ein normales Leben zu führen. Der Iro sitz, wenn auch farblos! Und auch ihre Entertainerqualitäten haben keine grauen Haare bekommen. So tight, wie man es als Punkband sein sollte und ebenso mitreißend! Wohl ein denkwürdiger Abend für viele!

Auch um Wir Sind Helden war es still in letzter Zeit und jetzt sind sie mit neuem Album ("Bring mich nach Hause") wieder da. Nicht ganz so lange weg und nie aufgelöst. Trotzdem politisch engagiert und ebenso ein Volltreffer im Publikum. Ich selbst habe mich im Laufe des Auftritts verzählt. Einen solch großen Katalog an Hits kann diese Band auffahren. Beeindruckend auch wie mit all dem Erfolg noch wegen genau der selben Dinge sympathisch geblieben sind. Eine sehr gute Liveband die beweißt, dass Balladen und traurige Songs eben doch auch auf Festivals funktionieren.

"We like the Beatsteaks"

Billy Talent: 3 Alben auf einem Niveau, die größten Hallen, immer in den Charts. Viel gibt es nicht mehr zu sagen über diese Band. Ähnlich gradlinig wie die Bandgeschichte auch ihre Liveshow. Banner, Band, guter Sound und viele Hits. Jeder kennt jeden Song und entsprechend birgt das Set wenig Überraschungen. Eine Band, der man jeden Erfolg gönnt und auch sie wissen wo sie herkommen. "We like the Beatsteaks" - vor vielen Jahren waren sie die ersten, die die Kanadier mit auf Tour in Deutschland nahmen. Damals waren beide noch nicht dort, wo sie heute sind: absolute Headliner jedes riesigen Festivals der Republik.

Ohrfeigen zum Frühstück

Jupiter Jones haben gerade frisch bei Sony/Columbia unterschrieben und eröffenen den Samstag im Zelt. Viel zu wenig Zeit für eine viel zu gute Band. Geschenkt! Ihre Songs spielen sie vor wesentlich mehr Leuten, als die Spielzeit (kurz nach 13 Uhr) und die ausschweifende Party am Vorabend an genau der selben Stelle vermuten lassen! Es ist ihnen mehr als zu gönnen. Die Show schließen 4 Ohrfeigen, die der Schlagzeuger an Roadies verteilt. Er hatte eine Wette gewonnen.

Draußen machen inzwischen Dúné weiter. Auch ihnen eilt ein schwerwiegend guter Ruf voraus. Die Menge tanzt. Sie scheinen ihn zu bestätigen! Um 16:15 ist das Zelt wo jetzt Comeback die Bühne betreten mehr als aufgeheizt und verwandelt sich im Handumdrehen in eine riesen Hardcoreparty. Nicht nur "Wake The Dead" wird dermaßen inbrünstig vorgetragen und mitgesungen, dass es nur Spaß machen kann! In eine ähnliche Kerbe schlagen 2 Stunden später Parkway Drive. Mehr Kids, etwas weniger tight, mehr Mosh und ein noch größerer Pit. Die Australier haben sich in den letzten Jahren ein beachtliche Fanbase erspielt. Mit 3 erfolgreichen Platten im Rücken trumphen sie ordentlich auf. Hier liegt Wucht in der Luft!

Thrice schalten danach einen gehörigen Gang herunter, auch wenn sie grob aus der selben Ecke stammen. Hier steht die Musikalität der Band ein mal mehr im Focus! Das Zelt hat sich deutlich beruhigt, ist aber nicht weniger voll! Auch hier singen viele ältere Hits früherer Tage, während draußen kleine Mädchen zu Revolverheld kreischen. Die sich ebenfalls erstaunlich gut machen. Sänger Johannes Strate hat in seiner Stimme übrigens eine gewisse Ähnlichkeit zu Herrn Grönemeyer.

Pyro, Baby!

Mit Madsen betreten um kurz vor 21 Uhr heimliche Headliner die Green-Stage. Vielleicht DIE deutsche Rock-Festival-Band. Denn sie schaffen es ihren ländlichen Charme zu bewahren, auch wenn sie eine einfühlsame Großstadtband geworden sind. Großartig auch die gelegentlichen Pyroeinsätze (Konfettirgen, Stichflammen und Funkensprüher). Andere Bands sind protzig, Madsen sind die netten Brüder, die sich über das Knallen und Funkeln freuen! Ein toller Auftritt, der kein Deut davon getrübt wird, dass Sänger Sebastian durch einen Unfall vorübergehend keine Gitarre mehr spielen kann.

Nach dem Unheilig wie schon auf ihren eigenen Unheilig-Open Airs zwischen Rammstein und Wolfsheim rocken kommen Placebo. Seit Jahren gern gesehene Gäste auf dem Highfield und auch diesmal wieder mit offenen Armen begrüßt. Leider wirken sie relativ anteilnahmslos und routiniert, daran kann auch der sportlich dreinschlagende neue Trommeler Steven Forrest wenig ändern. Ist nicht schmerzhaft, dass dann auch bald die Disco im Zelt losgeht.

Erotikdrüse und Punkrock

Die Sonne hält durch! Auch der zweite Morgen am Störmthaler See ist heiß und der Himmel blau. Auch wenn sich das im Laufe des Tages zielstrebig ändern wird geht mit Jennifer Rostock erst einmal grell los. Neongrün ist die Farbe ihres ersten Albums "Ins Offene Messer" und wenn man ihre Musik mit einer Farbe beschreiben sollte würde ich eben diese wählen. Das neue Album "Der Film" ist zwar schon gediegener, ändert aber nichts an dem Hop-oder-Top-Status der Band. Es gibt nur Fans und Hasser. Die Band ist tight, macht eine einprägsame Show zwischen neuer Deutscher Welle, Punkrock und Mädchenpop und drückt ordentlich auf die Erotikdrüse. Nein, hier werden keine Brüste freigelegt! Doch sie werden häufig und kräftig angefasst und eigentlich kommt keine Ansage ohne "Titten, Muschi, Bumsen" aus. Die einen finden's witzig, die anderen billig. Ihre Daseinsberechtigung nimmt es der Band nicht!

Langsam merkt man, dass ein Festivalwochenende körperliche Anstrengung bedeutet. The Asteroids Galasy Tour machen da angenehm entspannte Musik im Zelt, aber es ist eindeutig zu warm. Warum ist Melissa auf der Maur noch mal berühmt und spielt so große Festivals? Es ist mir entfallen und ihr genervtes Auftreten und eine belanglose Show motivieren mich nicht weiter in meinem Kopf zu suchen. Dabei ist ihr Platz bei den Smashing Pumpkins und ihr Nebenberuf als Model gar nicht so viele Hirnwindungen entfernt. Viel besser passen die Mad Caddies auf dieses Festival. Sie bringen die Menge zum Tanzen, egal wie heiß es ist und die Partystimmung ist zurück.

Für gute Laune konnten Ok Go in der Vergangenheit vorallem mit ihren spektakulären Videos sorgen. Ob das nicht eine langweilige Show werden muss? Eigentlich vorprogrammiert, aber weit gefehlt. Musik wie von CD, sympathische Typen und nicht zu letzt der Ausflug des Sängers in Mitten die feiernde Zeltmenge: beeindruckend besonders! Sie haben es geschafft ihr hohes Ansehen auch live zu bestätigen! Da konnte das junge Publikum gleich bei All Time Low weiter feiern und die aufstrebenden Poppunkhelden feiern.

Alte Männer und Punkrock

Bela B. solo. Das klappt doch schon auf CD nicht ganz so überzeugend. Mit den Ärzten ist er der größte Rockstar Deutschlands, solo leider nur der Schlagzeuger von den Ärzten. Traurig, aber wahr, hier lebt jemand von der Legende. Die er ist und mit seiner Band immer sein kann, aber solo (mit seiner Solo-Band) ist das nix. Da kann er noch so oft scherzhaft in der dritten Person über sich, den alten Mann, und sein langsames Verfallen Witze machen. Bela, bleib doch einfach der Held und versuch es nicht mit dem aufgesetztem Elvischarme.

Dann doch lieber volllaufen lassen, den kleinsten Banner des Wochenedes hochziehen und als NOFX eine lustige Show hinlegen. Müssen wir uns über eine miserable musikalische Leistung unterhalten? Eher nicht, ist nebensächlich. Dieses Delirium auf der Bühne gehört zur Legende und wer vor dem Auftritt den Bierstand besiedelt hat war gut beraten. NOFX bleiben NOFX. Und das macht Spaß!

Das Wetter: "Nordish By Nature"

Der erste Schritt von Fettes Brot auf die Bühne fällt ungünstiger Weise auf das "Go" von Petrus in Richtung Regenwolke. Es beginnt zu regnen. Erst wenig, dann mehr, dann kommt der Wind und schon ist es ein mittleres Unwetter. Fettes Brot müssen ihre tolle Show unterbrechen. Eine halbe Stunde lang unterhält sich das Publikum selbst in dem Wissen, dass das Festival möglicherweise zu Ende ist. Doch die Brote kommen zurück und mit ihnen "Nordish By Nature", "Schwule Mädchen" und all die anderen Hits. Dass sie ihre komplette Liveshow auf eine tolle Bandperformance umgebaut haben und so deutlich rockiger daher kommen steht ihnen wunderbar zu Gesicht!

Blink 182 bleiben leider Blink 182. Auch anno 2010 bestätigen sie ihren Ruf als schlechte Liveband. Da kann sich Travis Barker noch so tight und schnell die Hände wundtrommeln. Klar kann jeder die Songs mitsingen und natürlich wird das auch größtenteils getan. Aber Tom DeLonge darf sich auch mit 35 noch Mühe geben. Der Regen treibt uns in die Flucht. Es fällt uns erschreckend leicht bei dieser Leistung.

KOMMENTARE


Name:

"splitted" eingeben:

Kommentar:



Keine Einträge vorhanden

splitted.de empfiehlt

Four Year Strong Tour 2012
Monster Artists

Zu den Fotos


Autor:

Michael Breuninger