20.10.2009 Hannover, Musikzentrum
Jennifer Rostock
So hecktisch wie das Keyboard zu "Kopf oder Zahl" von Jennifer Rostock war auch unsere Anreise. Rein in den Saal und schon besteigen die 5 Berliner unter tosendem Applaus und ohrenbetäubendem Gekreische die Bühne des Hannoveraner Musikzentrums. Logisch. Eine MTV-Teenie-Mädchenband. Denkt man. Falsch gedacht. Der Männeranteil ist höher als erwartet. Wenn das auch der Lautstärke des Geschreis keinen Ablass tut, überrascht es doch.
Jennifer Rostock ist eine aalglatte und getrimmte Band aus dem Fernsehen, die hier dieses Feuerwerk der Klischees veranstaltet. Rockmusik ist in. Tattoos bis zum Hals unterstreichen das, auch bei Frauen. Auf der Bühne Saufen, Rauchen und Songs eher schreien als Singen, hier und dort etwas untighte Gitarren... das ist Punkrock aus dem Lehrbuch! Das Publikum herablassend behandeln, den Roadie zum Whiskeynachschubholen schicken... das können sich nur Rockstars erlauben. Auch auf Hose oder Rock kann man gepflegt komplett verzichten. Buxe tut es doch. Rückenfreies Glitzer-Oberteil, schlanke Beine, fertig ist der Premium-St. Pauli Fummel. "Läuft doch, oder?", kann man da auch schon mal nach dem ersten Song in die Menge schreien, die natürlich kreischend bejaht.
Doch so einfach ist das ist. Hier spielt aber auch eine ehrliche Punkrock-Band, die ihre Wurzeln kennt und sie nicht versteckt. Eine Band, die sich der Popmusik öffnet und eine lockere, feuchtfröhliche, aber vor allem unterhaltsame Show liefert. Die Fans mögen ihre rotzig-rockige Art, tanzen und singen inbrünstig mit, weil es ihnen aus der Seele spricht, was Jennifer da singt. Auch die Band hat Spaß und fühlt sich sichtlich wohl auf der Bühne. Es geht um eine gute Zeit, um einen unterhaltsamen Abend.
Heute müssen Jennifer Rostock niemanden überzeugen. Das Musikzentrum ist reichlich gefüllt und zwar mit ihren Fans. Heute sind sie keine Band zwischen vielen wie bei ihren zahlreichen Festivalauftritten, sondern es geht nur um sie. Schließlich ist es ihre Headliner Tour. Da ist es auch ok, dass Sängerin Jennifer einige Passagen der Songs eher schreit als singt, schließlich kennen hier alle ihre Songs und das ist eben live. Schade jedoch ist, dass sie das ganze Set hindurch kaum verständliche Passagen raus bringt - auch wenn sie singt. Was sie tonal sehr gut macht ist leider textlich unverständlich, genuschelt und schlecht abgemischt. Vor allem bei deutschen Texten eher unvorteilhaft. Einzige - aber deutliche - Ausnahme bildet die Ballade, die sie allein mit Keyboarder Joe performt und erst am Ende durch die Band verstärkt wird. Der vielleicht ehrlichste, emotionalste und intimste Moment des Abends. Ein guter Song, sehr gut vorgetragen. Klar, deutlich und direkt. Und mit einem Text, den man 1. verstehen und 2. nur zu gut mitfühlen kann.
"Beim nächsten Song fassen sich alle Mädels an die Möse", "Jetzt wackeln alle Frauen für die Männer mit dem Arsch", "Mein Lieblingsgeräusch ist das zweier nackter Männerkörper, die aufeinander klatschen". Nicht nur zahlreiche Ansagen, sondern auch Songs wie "Feuer" oder "Du willst mir an die Wäsche" handeln von Sex oder dem, was voraus geht. Wer für so etwas steht und noch dazu so aufreizend gekleidet ist wundert sich über Zwischenrufe á la "Gib uns deine Handynummer" oder gelegentliche Arschgrapscher nicht im geringsten.
Die einstige Single "Kopf Oder Zahl" die die Band schlagartig bekannt machte wird heute von einem Freiwilligen aus dem Publikum in einer Slow-Motion-Version getrommelt. Witzig, spontan, aber auf Kosten des Songs. Ein technisches Problem zwingt die Band zu einer für gewöhnlich sehr langatmigen Pause, doch diese wird mit einem spontanen Wett-Bier-Exen zwischen einem Jungen und einem Mädchen überbrückt. In der Mitte des Sets sorgt Keyboarder Joe für Aufsehen. Er allein stimmt ein kleines Medley an, was von "I'm Not A Girl, Not Jet A Women" bis "Girls Just Wanna Have Fun" seine Homosexualität auf die Schippe zu nehmen versucht. Jennifer analysiert danach, dass scheinbar niemand diesen Witz verstanden hat. Selbstironie steht ihm gut. Sehr sympatisch dieser Kerl zwischen Schüchternheit, Ausgeflipptheit und bejubeltem Star auf der Bühne.
Einzig das Thema "Twilight" ruft gemischte Reaktionen aus dem Publikum hervor. Mit "Es tut wieder weh“ haben Jennifer Rostock einen Song zum Soundtrack des Films beigetragen. "Das ist mir zu kompliziert. Die Hälfte schreibt Buh, die andere Hälfte jubelt. Könnt ihr nicht alle Jubeln?". Natürlich können sie das und schon sind wieder alle auf der Seite der Band. Und wieder zeigt Jennifer ihre rotzige Seite, die oft kurz vor pöbelig steht, meistens jedoch darüber hinaus geht. Aber es nimmt ihr niemand übel. Wie auch, wenn man immer wieder ehrliches Lächeln über tosenden Applaus oder andere, sehr menschliche Freuden der Musiker beobachten kann?!
Das Publikum was beide Alben auswendig drauf zu haben scheint fordert vehement Zugaben und bekommt sie - mit "Feuer" beginnend - auch doppelt. Das Konzert wird mit einem lauten Knall und dem daraus resultierenden Konfettifeuerwerk fulminant beendet. Tourauftakt geglückt! Das Konzert vor einem Jahr um einiges getoppt. Ein sehr unterhaltsamer Abend voller kleiner Atraktionen geht zu Ende. Hin und her gerissen über den Anteil des Managementprodukt Jennifer Rostock in der sympathischen Punkrockband Jennifer Rostock bin ich immer noch.
KOMMENTARE
Bereits abgegebene Kommentare:
Kathi :)
schrieb am 23.10.2009 um 15.26 Uhr
Das Konzert war bombe. Total lustig und unterhaltsam :) Aber ich fand es sehr schade,dass die band danach einfach gegangen ist.. Bei fast jeden Konzert bleiben sie noch da und machen Bilder mit den Fans. Bei diesem nicht. Das fand ich kacke. Die Bühnenhelfer und co. wollten uns nichts sagen und haben uns ignoriert, wenn wir sie was gefragt haben.. Das fand ich auch scheiße.. Aber das Konzert war sonst klasse :)
Mehr über Jennifer Rostock
http://www.myspace.com/jenniferrostock






